Das 13. Internationale Festival des Fahrrad-Films

Liebe Filmfreundinnen, liebe Filmfreunde,

das Fahrrad verspricht Rettung vor dem sicheren Untergang. Dies ist die Botschaft des Films „Iron Horse“ von Teresa Väli aus Estland: Ein Fahrradfahrer gerät in der estnischen Wildnis in eine lebensbedrohende Situation, und als alle Hoffnung verloren scheint, rettet sein Fahrrad ihm das Leben. Es wird aber – unglücklicher Held! – am Ende vom Geretteten verstoßen. Wir rufen mit diesem 13. Programm dem abtrünnigen Freund protestierend zu, dass das Fahrrad gut ist für die Menschheit, und deswegen soll man sein Fahrrad mögen und pflegen.

Das 13. Internationale Festival des Fahrrad-Films erzählt viele Geschichten über die Beziehung zwischen Mensch und Fahrrad, die allerhand philosophischen und unterhaltsamen Stoff liefert. Richtig schön queer geht es in “A Bicycle in Love“ zu, ein Film über die glückliche Liebe zwischen Daisy und dem charmanten Fahrrad Greg. An anderer Stelle empfiehlt es sich, Taschentücher bereit zu halten, denn wie im echten Leben enden die filmischen Beziehungen oftmals tragisch, wie etwa in der zauberhaften Animation „Bike Ride“ von Tom Schroeder aus den USA.

Mit dem französischen Romancier Stendhal ließe sich sagen, der Fahrradfilm ist ein Spiegel, den man per Lastenrad die Landstraße entlang fährt. Dort sehen wir den jungen Edouard, der im gleichnamigen Film von François Fournier, Kanada, mit dem Fahrrad davon fährt, so weit es geht, „um zu sehen, ob ich es kann“ – mit dem Fahrrad als eine Möglichkeit, aus der Kindheit auszubrechen. Auch Jean-Aimé Bigirimana, ein kanadischer DJ mit ruandischen Wurzeln, versucht den Ausbruch. Im Film „Escape“ von Anjali Nayar flieht er, astronautengleich und bildgewaltig, ins ewige Eis.

Das Lastenrad spielt nicht nur eine metaphorische Rolle. Zwei Filme demonstrieren eindrucksvoll, dass es im echten Leben unterschätzt wird. Auch bei großen Lasten kann es mit dem Auto ganz schön „deppert“ zugehen, wie der Film „Siedelei“ aus Salzburg in breitem Österreichisch erzählt. Die Dortmunder Velokitchen-Fahrradszene, deren Kochkünste seit vielen Jahren die Kirsche auf der Torte des ICFF bedeuten, veranschaulicht in „On the Move“, dass eine Vielzahl Lastenräder Berge versetzen kann.

Das Festival wäre keins ohne den politischen Film, und ein besonderes Gewicht kommt „Tigersprung“ zu. Er ist dem Leben von Albert Richter gewidmet, 1932 Amateur-Weltmeister auf der Bahn, 1940 von der Gestapo ermordet.  Im Zentrum des Films steht sein jüdischer Manager, der Kölner Ernst Berliner, der, vor den Nazis fliehend, in den Niederlanden überlebt und später in die USA auswandert. Er versucht den Fall in den 1960er Jahren zur Anklage zu bringen, aber die deutsche Justiz will kein Verfahren eröffnen. Auch die Kölner Bahnszene sieht ihn lediglich als „die Störung“ – er erfährt vollkommene Ablehnung. Ernst Berliner reist heim mit dem Vorsatz, nie wieder nach Deutschland zurück zu kehren.

Das Festival zeigt insgesamt 15 Filme aus zehn verschiedenen Ländern, darunter experimentelles Kino aus Belgien und Großbritannien, Dokumentationen aus Guatemala und Deutschland, für die spirituelle Erbauung sorgt der Film „Der Langsamwallradfahrer“ von Fritz Tietz: „Nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich, zuweilen sind es auch seine Radwege“. Begeben wir uns gemeinsam auf den Weg, der, teil steinig, teils mit sehr unterhaltsamen Abschnitten, in eine bessere Welt führt, in der die alten Nazis und neuen Populisten keine Stimme mehr haben,

herzlich

Gernot Mühge und Chris Wawrzyniak

Tigersprung

TOER – a film by Jasmijn Cedee